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Abschlussbericht

Mit emotionalem Tag im Wallis meine Karriere abgeschlossen

Samstagmorgen, kurz vor vier Uhr in Verbier. Ich liege schon die ganze Nacht meist schlaflos im Bett. Eigentlich ist das für mich nichts Ungewohntes vor dem Grand Raid BCVS. Aber diesmal sind es nicht die Anspannung und die Nervosität, die schuld daran sind. Ich drehe mich hin und her, suche nach einer möglichst schmerzlosen Position, aber finde sie einfach nicht. Ich beschliesse aufzustehen und durch das noch ruhige Dorf zu marschieren. Es ist dunkel und kalt, die Autoscheiben mit Tau beschlagen und der Himmel ist sternenklar. Ich weiss, was das bedeutet. Es wird ein perfekter Tag werden für das Rennen. Das letzte grosse Rennen meiner 25-jährigen Karriere. Dass ich es nun von der anderen Seite der Startlinie miterlebe, ärgert mich sehr, ist in diesem Moment aber ok. Ich bin zum Glück selber schuld an meiner Verletzung und nicht unverschuldet in einen Unfall verwickelt worden. Das macht es einfacher.

Kurz vor sechs Uhr. Nach dem Frühstück verlasse ich das Hotel und bewege mich Richtung Start. Ich beobachte ausgewählte Athleten bei ihren letzten Rennvorbereitungen. Ich stelle mir vor, was in ihnen nun vorgeht. Wie sie sich wohl fühlen, was sie sich für das Rennen vorgenommen haben und wie ihre Taktik aussieht. Ich lese Überzeugung und Entschlossenheit, aber auch Anspannung und Angst aus den Gesichtern der WM-Fahrer. Einer wird heute Weltmeister werden, viele werden stolz und glücklich ins Ziel kommen. Aber viele werden auch enttäuscht sein. Ich fühle in diesem Moment mit und drücke allen Fahrern die Daumen, dass sie zufrieden ins Ziel kommen werden.

Das Rennen startet und nun geht der Stress auch für mich los. Ich begebe mich nach Nendaz und danach nach Veysonnaz, um die Spitze des Rennens live zu sehen. In Gedanken fahre ich aber nicht über die Strasse, sondern auf der Strecke in diese Dörfer. Ich weiss jederzeit, wo die Fahrer gerade sind und was jetzt wichtig ist. Wie ich mich verhalten würde. An beiden Punkten auf der Strecke, wo ich stehe, ist das Rennen noch offen und über 30 Fahrer passieren innerhalb von weniger als zwei Minuten. Für sie alle ist noch alles möglich und trotzdem sehe ich erste Tendenzen. Aber liege ich richtig oder sind einige am bluffen? Übernehmen sich einige Fahrer, die da vorne mitfahren, oder haben sie heute den Tag ihres Lebens erwischt? Ich bin gespannt, wie es weitergeht, und wäre gerne auch mit dabei in diesem Spiel um den grossen Jackpot.

Ich verschiebe mich nun an den Anfang des Anstieges zum Mandelon und später nach Evolène. Für mich waren das immer zwei Schlüsselstellen, bei jedem einzelnen Grand Raid BCVS, den ich fuhr. Darum ist es mir wichtig, heute an diesen Punkten zu sein. Beim Warten auf die Fahrer erinnere ich mich an viele entscheidende Aktionen, die ich in diesen Streckenabschnitten schon herbeiführen konnte. Heute scheint es, als ob beim Mandelon noch niemand den Mut hat, alle Karten offen auf den Tisch zu legen. Aber wie immer werden hier viele Fahrer Federn lassen müssen. Denn wenig später in Evolène hat sich das Feld der Kandidaten deutlich ausgedünnt. Es geht nun in die letzten zwei Rennstunden mit dem gefürchteten Pas de Lona. Die Fahrer sammeln sich nun mental, um bereit zu sein für die Entscheidung in diesem WM-Rennen. Jetzt werden nicht nur die Beine entscheiden. Mit einem starken und klaren Kopf und der nötigen körperlichen Substanz und Reserve sind hier aussergewöhnliche Qualitäten gefragt. Hat man sich dies in tausenden von Stunden erarbeitet und noch Glück, robust genug dafür gebaut zu sein, ist es auf dem verbleibenden Weg bis nach Grimentz möglich, Leistungen zu erbringen, die in einem vierstündigen Rennen gar nicht gefragt sind. Es schmerzt nun, meine Qualitäten hier nicht ausspielen zu können.

Ich fahre jetzt weiter ins Ziel. Gedanklich über Eison, L’A Vieille und den Pas de Lona. In der Realität nach Sion, über die Autobahn und dann das Val d`Anniviers hoch. An der geparkten Autokolonne vorbei bis direkt neben das grosse Festzelt. Dies will ich nicht dürfen, weil ich es mir über irgendwelche Umwege und Beziehungen erschwindelt habe, sondern dies darf ich hier, weil ich schon Aussergewöhnliches geleistet habe in genau diesem Abschnitt, in dem sich die Fahrer nun befinden. Sechsmal ist es mir aussergewöhnlicher gelungen als allen anderen und das wird auch nach dem heutigen Rennen Rekord bleiben. Es geht nun um die WM-Medaillen und um das Regenbogentrikot. Nun wird das Klassement gemacht und es kommt deutliche Struktur in das Rennen. Alles kommt nun genau wie ich es erwartet habe. Bis auf eine grosse Ausnahme. Es sind nun die älteren und gestandenen Fahrer, die ihre Qualitäten ausspielen, jugendlicher Übermut wird bestraft. Auf dem Pas de Lona ist die grosse Gruppe aus Nendaz nun endgültig in ihre Einzelteile zerlegt. Aber es ist noch nicht geschafft. Eine Minute Vorsprung ist zwar schön, aber alles andere als ein Garant dafür, dass es auch reicht. Bei mir hat es aber zum Glück immer gereicht früher.

Ich sichere mir nun einen Platz ungefähr 30 Meter hinter der Ziellinie. Ich fühle mit dem Führenden mit, der sich nun auf den letzten Kilometern der Schlussabfahrt befindet. Er hat Grosses geleistet, er war heute der Stärkste und eigentlich der verdiente Sieger. Doch er ist noch nicht im Ziel. Er hat noch drei gefährliche Kilometer zu fahren, auf denen er noch alles verlieren kann, ohne einen Fehler zu machen. Knapp dahinter der Zweite. Er hat nichts zu verlieren. Er ist ein Taktiker, der es geschafft hat, bis hierhin noch alles offen zu halten. Er ist ein begnadeter Abfahrer, der bereits eine WM-Medaille zuhause hat und nun ganz nah am grossen Coup ist. Es ist unglaublich spannend. Dann ist es geschafft und der Amerikaner Swenson kommt als Sieger ins Ziel. Für mich war er vor dem Rennen nicht ganz zuoberst auf der Favoritenliste. Ich verfolge ihn allerdings auch zu wenig, wusste aber, dass er so extreme Rennen grundsätzlich gut übersteht. Mit Porro auf dem zweiten und Paez auf dem dritten Rang traf ich mit meiner Medaillen-Prognose aber immerhin zwei Mal ins Schwarze. Ich stehe auch beim zwanzigsten Fahrer noch wortlos und mit offenem Mund an der Abschrankung 30 Meter nach der Ziellinie. Ich weiss, was sie geleistet haben, wie sie sich fühlen und dass sie, auch wenn sie im Moment vielleicht enttäuscht sind, schon morgen stolz sein werden, dieses Rennen zu Ende gefahren zu sein. Ich überlege mir, wo ich in diesem Rennen gelandet wäre, und werde es nie wissen.

Später verfolge ich die Siegerehrung im grossen Festzelt und habe nochmals kurz Tränen in den Augen. Das ist der Moment, auf den ich so lange gewartet habe. Nun bin ich live dabei, leider den ganzen Tag auf der falschen Seite. Aber trotzdem war ich dabei.

Sonntagmorgen zu Hause. Nach einer kurzen Nacht stehe ich auf und verarbeite meine letzte WM mit diesem Bericht.

Meine Karriere ist vorbei

Es war gestern auch unter den aktuellen Umständen ein sehr spezieller Tag für mich. Ein Tag, der nur so speziell sein konnte, weil ich den ganzen Weg bis dahin erleben und gehen durfte. Leidenschaft, Herzblut, harte Arbeit, unendlich viele Entbehrungen, Enttäuschungen, Rückschläge und Verletzungen, aber noch mehr Erfolge und Glücksmomente zeichneten diesen Weg aus. Ich bin unendlich dankbar, all diese unbezahlbaren Emotionen und Momente erlebt haben zu dürfen. Für mich stimmt es so, wie es jetzt ist, und darum war das gestern mein letztes Rennen, das ich mit solch grossen Emotionen erlebt habe.

Immer wieder bedankten sich in den letzten Wochen Leute bei mir für meine Rennberichte in den letzten 20 Jahren und sagten mir, dass sie sie vermissen werden. Aus diesem Grund verzichte ich nun darauf, nochmals all die Jahre durchzuspielen und mein letzter und aussergewöhnlich langer Bericht wird nun bald zu Ende sein. Alle, die diesen Bericht hier lesen, haben auch einen Grossteil meiner bisherigen Berichte gelesen und wissen somit bereits auch ohne Karrierezusammenfassung, wer ich bin. Wenn ich es grob überschlage, waren es gegen 1'000 Berichte, die ich geschrieben habe. Jeder Bericht beanspruchte zwischen einer halben und drei Stunden Zeit. Zeit, die ich gerne investiert habe für euch! Es war mir stets wichtig, in den Berichten fair und ehrlich zu sein. Offensichtlich gelang es mir, denn genau als solcher Sportler, der auch noch auf dem Boden und bescheiden geblieben ist, werde ich verabschiedet. Diese Beschreibung freut mich ausserordentlich, denn genau diese Eigenschaften lebe ich bis heute. Aus diesem Grund war ich auch nur wenig in der Scheinwelt social media aktiv und damit stets meinen Werten treu geblieben.

Was ich aber nicht unterlassen möchte, ist Danke zu sagen.

Danke an mein ganzes Umfeld, das mich jederzeit getragen hat auf diesem Weg. Die meisten begleiteten mich während ein paar Jahren, viele tun es immer noch und wenige während meiner ganzen Karriere. Es hat alle von euch gebraucht!

Danke an meine vielen kleineren und grösseren Sponsoren und Gönner, die mir den Einstieg in diese Szene ermöglicht haben. Danke an meine grossen Sponsoren, die mich während vielen Jahren und zum Teil bis heute noch unterstützen. Danke an meine zwei Ausrüster. In so einer langen Karriere nur zwei verschiedenen Teams angehört zu haben, ist einzigartig und gibt mir das Gefühl, einiges richtig gemacht zu haben.

Danke an meine Konkurrenten. Ihr habt mich stets herausgefordert und angespornt, weiter an mir zu arbeiten. Sehr gerne habe ich aber auch euch das Leben schwer gemacht und Sorgen bereitet. Von einigen konnte ich mich gestern persönlich verabschieden. Viele und die Wichtigsten, die mich geformt und geschliffen haben, sind aber längst nicht mehr aktiv. Ich darf die Erinnerungen an viele harte Stunden für immer mitnehmen und daran zurückdenken.

Danke an die ganze Rennszene für viele Begegnungen, die ich machen durfte. Die vielen Länder auf dieser Welt, die ich kennenlernen durfte, die Sprachen, die ich mehr oder weniger gut lernen durfte, und die Persönlichkeitsentwicklung, die ich durchmachen durfte.

Das war es nun vom Urs Huber im öffentlichen Leben. Ein langer Abschnitt geht zu Ende. Danke für das Lesen und Begleiten bis hierhin.

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