Sieg am MB Race
Sieg an einem langen Rennen. Aufmerksame Leser wissen, dass sowas einen langen Bericht zur Folge hat, und hier ist er!
Das MB Race in der Region Mégève/Combloux bereitete mir schon mit ein paar Tagen Vorlauf Mühe. Für welche Distanz soll ich mich entscheiden? Zur Auswahl standen 70 km, 100 km und 140 km. Normalerweise fährt man die längste Distanz, doch dieses Jahr war es etwas anders. Denn die 70 Kilometer waren als hoch eingestuftes UCI Rennen ausgeschrieben. Noch dazu fanden über diese Strecke die Französischen Marathon Meisterschaften statt. Und rein vom Programm her wäre es auch vernünftiger, eine Woche vor den Schweizer Meisterschaften das knapp vierstündige Rennen zu fahren. Darum plante ich eigentlich schon seit längerem mit der kurzen Distanz. Doch je näher das Rennen kam, desto mehr faszinierte mich der Gedanke, es doch auf der längsten Distanz zu versuchen. Denn hier standen meine Chancen gut, wieder etwas Selbstvertrauen zu holen. Über die erwartete Rennzeit von gegen neun Stunden machen mir nämlich die wenigsten etwas vor und ich mag solche Herausforderungen. Und weil ich den Gedanken nicht mehr ausblenden konnte und trainingswissenschaftliche Herangehensweisen bei mir noch nie über meinen Emotionen standen, folgte ich meinem Herzen und meinen Motivationen und entschied mich am Mittwoch, dass ich die 140 Kilometer und 7‘000 Höhenmeter anpacken werde. Ich war der absoluten Überzeugung, dass es mir guttun wird.
So stand ich heute Morgen topmotiviert am Start. Die dreizehn Flaschen und weitere Getränke und Verpflegung waren vorbereitet und meine Herangehensweise klar. Weil es einen grossen Massenstart gibt und dabei nicht klar ist, wer welche Distanz fährt (man muss sich erst im Rennen entscheiden), war die Situation etwas unübersichtlich. Was als relativ sicher galt, war, dass Claes auch die lange Distanz fährt. Bei allen anderen hätte es mich überrascht, doch man weiss ja nie… Ich liess mich also in der Startphase nicht verleiten, ganz vorne mitzufahren. Ich wusste genau, wie ich mich zu verhalten habe, um über die Runden zu kommen, und konzentrierte mich nur auf mich. Dahinter wurde genau das Realität, was ich erwartet habe. Claes fuhr etwa 30 Sekunden hinter mir und orientierte sich, stets in Sichtweite, an mir. Ich fand gut ins Rennen, schlug ein Tempo an, das mir nicht weh tat und welches ich werde durchziehen können. So fuhr ich über die ersten beiden längeren Anstiege. Die Abfahrten nahm ich immer sehr kontrolliert. Es war nicht nötig, schon so früh einen Sturz oder Defekt zu riskieren. Es lief also alles nach Plan, bis es dann nach knapp 30 Kilometern doch passierte. Ich schnitt mir an einem scharfkantigen Stein tatsächlich den Hinterreifen, mitten auf der Lauffläche, auf. Das darf doch nicht wahr sein! Das war schon zum dritten Mal, dass ich mir innert den gleichen fünf Kilometern bei diesem Rennen einen Platten einfahre…
Nun wurde es brenzlig. Es hiess anhalten, ruhig bleiben, das Problem finden und dann hoffen, dass es sich mit dem Material, das ich dabei habe, reparieren lässt. Nach kurzer Zeit überholte mich dann Claes und realisierte natürlich die Situation. Ich fand den Schnitt im Reifen schnell. Er war relativ gross und ich hoffte, dass er sich mit zwei Plugs flicken lässt. Vorsichtig machte ich mich ans Werk und tatsächlich funktionierte es ziemlich gut. Nach dem Aufpumpen ging es weiter und ich verlor zwar noch ganz wenig Luft, doch als der Luftdruck dann nicht mehr so hoch war, stabilisierte er sich. Ich wusste, dass ich 15 Kilometer später ein neues Hinterrad bekommen kann, aber bis dahin durfte nun nichts mehr passieren. Für einen weiteren Defekt wäre ich nun ausgeschossen gewesen. Dass ich nun hinter Claes zurückgefallen war, war zu diesem Zeitpunkt zweitrangig. Ich wusste, dass ich nicht die Brechstange auspacken darf und mir sechs Stunden Zeit nehmen kann, um das Blatt wieder zu wenden.
Also weiterhin ruhig und abgeklärt bleiben, nach zwei kürzeren Anstiegen und Abfahrten in Praz-sur-Arly ein neues Hinterrad holen, das Reparaturmaterial wieder aufmunitionieren und einfach weiterhin fahren wie bis hierhin. Hat alles funktioniert und so ging es wieder mit schlagkräftigem Material in den längsten Anstieg des Tages. Immer wieder sah man dabei nach vorne, doch es war mir nicht möglich, Claes auszumachen. Es war noch zu unübersichtlich, den Überblick zu bekommen inmitten der Fahrer aller Strecken. Also fuhr ich einfach in meinem Tempo weiter bis zurück nach Mégève, wo es dann nach 70 Kilometern ein erstes Mal hiess, sich zu entscheiden; Ziel oder weiterfahren? Natürlich weiterfahren und langsam kam etwas Klarheit ins Rennen. Und zwar Klarheit im Sinne von: ich sehe Claes weit und breit nicht vor mir… Ich rechnete mit etwa vier Minuten Rückstand, doch bei der nächsten Verpflegung wurden mir sogar fünf Minuten gemeldet. Dies verunsicherte mich nicht, aber ich wusste, dass es nun Zeit wird, etwas nachzulegen. Ich wusste auch, dass nun ein langer Anstieg folgt, in dem man teilweise weit nach vorne sieht, und da stoppte ich zwei Mal meinen Rückstand. Er blieb in etwa konstant. Also auch Claes schien nicht langsam unterwegs zu sein. Was ich auch wahrnehmen konnte: Wie ich es schon gestern Abend gehört habe, setzte Claes ab jetzt nun tatsächlich in den Anstiegen auf mitfahrenden Support ab dem E-Bike. Weiterhin ruhig bleiben sagte ich mir immer wieder. Noch immer blieben mir knapp drei Stunden Zeit und hintenraus noch ein paar brutale Anstiege, um das Blatt zu wenden. Ich wusste, dass mir jeder Höhenmeter, jede Minute und jedes Grad Hitze, einfach alles was den Körper zermürbt, in die Karten spielt in diesem Fernduell. Und mittlerweile war ich mir sogar sicher, dass mein Defekt jetzt sogar mein Vorteil ist. Denn Claes konnte sich nun schon seit vier Stunden nicht mehr an mir orientieren und musste sich selber einteilen.
Dann nach 100 Kilometern bekam ich die nächste Verpflegung. Und es waren jetzt sogar schon sechs Minuten, die ich in Rücklage war. Ich wurde nach wie vor nicht nervös. Doch ich wusste, nun muss ich aufdrehen, um das Rennen gewinnen zu können. Es folgte ein weiterer langer Anstieg mit 800 Höhenmetern, teilweise nur knapp fahrbar steilen Rampen und zu Beginn unter der brennenden Sonne. Was ich nicht wusste, gleichzeitig schaute vorne der Hammermann vorbei und Claes hing nun in den Seilen. So kam es, dass ich ihn plötzlich und wie aus dem Nichts vor mir sah, aufschloss, überholte und mich absetzte. Aus sechs Minuten Rückstand wurden innert 45 Minuten drei Minuten Vorsprung. Nicht schlecht. Ob es für mich auch ohne meinen Defekt und der angewendeten Taktik von Claes, einfach mich zu kopieren, so einfach geworden wäre, weiss ich nicht. So aber schien die Entscheidung gefallen zu sein. Zwar standen mir noch immer knapp zwei Stunden bevor. Doch ich schaltete nun wieder auf Verwalten und Sicherheit um. Normalerweise ist es nicht möglich, dass jemand nochmals zurückkommt in dieser Phase. Insbesondere nicht bei diesen steilen und langen Anstiegen, die noch vor mir lagen. Als ich dann auch die zweite lange Skipiste hochgelaufen war und mehrere Minuten zurücksehen konnte, war klar, dass ich mich wirklich nur noch selber schlagen konnte. Ich nahm mir danach sogar einmal 30 Sekunden Zeit, in einem kühlenden Bergbach meine Füsse etwas abzukühlen.
Und dann sah ich plötzlich Mégève unter mir und wusste, nun kann es nicht mehr weit sein. Nach acht Stunden und zweiundzwanzig Minuten war ich dann zurück und konnte das MB Race zum vierten Mal gewinnen. Endlich mal wieder ein Sieg. Dieser ist für mich mindestens so viel Wert wie vielleicht vernünftigere 70 Kilometer. Nun heisst es die nächsten Tage vorsichtig zu sein, um dann in einer Woche wieder mit gebündelten Kräften am Start zu stehen.