Wow, was für ein Moment heute als Sieger in Scuol einzufahren! Es ist die Erlösung nach harten Monaten. Wie es dazu kam...
Einmal mehr schaffte ich es, wenige Tage nach der Enttäuschung vom letzten Samstag heute motiviert und zuversichtlich am Start zu stehen. Wieder war ich überzeugt, dass genau heute der Knoten platzen wird. Doch so stand ich ja jeweils auch schon die letzten Wochen am Start und es klappte nie. Doch heute täuschte ich mich nicht. Zu jeder Zeit war ich präsent und bereit. So zum Beispiel bereits nach wenigen Minuten, als Barandun seine Offensive zündete. Ich hatte das Gefühl, dass die Aktion gemeinsam mit Vitzthum geplant war, denn die Beiden wirkten sehr nervös und schauten mehr nach hinten als nach vorne. Doch die Taktik ging absolut nicht auf, denn weniger als sechs Fahrer waren wir dadurch nie in der Spitzengruppe.
Danach fiel das Tempo komplett zusammen. Keine Ahnung wieso, aber ausser mir fuhr keiner anständig durch die Führung. Dabei war es ja eigentlich nach den letzten Wochen nicht ich, der hier in der Verantwortung stand, sondern eher Stauffer, der auf dem Papier heute der Favorit war. Doch da kam nichts, ganz im Gegenteil. Merkwürdig, ich wusste nicht, ob er einen ganz miesen Tag erwischte oder spielte, aber aktuell sah es nicht so aus, dass es für ihn reichen würde heute über den Chaschauna zu fahren.
Doch ich blieb realistisch und schrieb ihn nicht ab. Ebenso Kaufmann, Vitzthum, Barandun und Longa sahen gut aus. Obwohl sie alle normalerweise in meiner Reichweite liegen, mussten sie zuerst bezwungen werden. Durch die unanimierte Fahrweise blieb die Gruppe bis ins Münstertal ungewohnt gross und das passte mir gar nicht. So versuchte ich dann im Anstieg zum Döss Radond etwas zu verschärfen und bald waren wir nur noch die oben Genannten.
Und dann deckte Stauffer plötzlich die Karten auf, als er kurzzeitig noch eins draufsetzte. Da war er also, der Mann, gegen den ich in den letzten drei Rennen keine Chance hatte. Es passierte dann nichts mehr bis an den Fuss des gefürchteten Chaschsuna Passes. Ich fühlte mich noch immer gut, trotzdem hatte ich sehr grossen Respekt vor dieser Steigung. Denn auf vergleichbarem Terrain war ich in Ischgl vor drei Wochen chancenlos gegen Stauffer und Kaufmann.
Ich fuhr als Erster in den Berg, doch nach kurzer Zeit zogen die zwei an mir vorbei. Aber heute brachten sie mich nicht los und dies realisierten sie dann bald. Das Tempo fiel kurz zusammen und nun kam meine Chance. Anstatt froh zu sein, dass es etwas angenehmer wurde, fuhr ich vorbei und ab nun an erster Stelle bis nach S-Chanf. Zuerst klebte Kaufmann noch an meinem Hinterrad. Später war ich dann ganz alleine und Stauffer überholte Kaufmann. Dies war nun eine optimale Ausgangslage, denn nach dem gewonnenen Bergpreis liess ich Stauffer in der Abfahrt wieder aufschliessen, um zurück im Engadin dann mit vereinten Kräften weiter zu fahren.
Es ging auf, Kaufmann wurde bald entscheidend distanziert und Stauffer fuhr mit dem Sieg vor Augen aktiv mit. Im kurzen Anstieg bei Zernez attackierte er, doch ich geriet nie in Gefahr. Nun wusste ich: heute kann ich gewinnen! Doch welche Taktik sollte ich anwenden? Ich entschied mich, in der kurzen Asphaltrampe in Lavin anzugreifen. Dummerweise war ich dann Führender, als wir dahin kamen und so konnte ich keinen Überraschungsmoment nutzen. Egal, ich verschärfte von vorne, und tatsächlich war die Lücke da.
Das musste es nun sein und ich zog im flächeren Teil durchs Dorf durch. Auch im Anstieg nach Guarda gab es weiterhin nur Vollgas. Die Lücke wurde kontinuierlich grösser und Stauffer schien geschlagen! Das liess ich mir nun nicht mehr nehmen und es lief wie zu alten Zeiten, bis ich in Ftan in die Schlussabfahrt einbog. Der Vorsprung war nun komfortabel und ich konnte kontrolliert und sicher ins Ziel fahren und zum bereits siebten Mal die längste Distanz am Nationalpark Bike Marathon für mich entscheiden!
Endlich wieder ein Erfolgserlebnis, die Erleichterung war unbeschreiblich gross.
Seit dem Marathon in Riva del Garda von Ende April versuche ich mit einem guten Resultat die verpatzten Südafrika-Rennen hinter mich zu bringen. Doch mein Handicap durch den krankheitshalber verlorenen Februar war zu gross. Das Cape Epic in meinem Zustand zu Ende zu fahren war ein grosser Fehler und kostete mich nun mindestens vier Monate, um wieder konkurrenzfähig zu werden. Ich war in dieser Zeit stets überzeugt davon, dass ich es nochmals schaffen kann. Doch es brauchte einen unendlichen Durchhaltewillen. Vieles musste ich mir in dieser Zeit anhören und sagen lassen, und viele Schulterklopfer aus guten Zeiten glaubten nicht mehr an mich. Auch wenn es nun einen Monat zu lange gedauert hat, bin ich unendlich glücklich, nun endlich alles hinter mich gebracht zu haben. Ich werde die Pause nach der Saison und einen guten Winter trotzdem brauchen, um im nächsten Jahr wieder konstant auf dem gewohnten Niveau fahren zu können.
Der heutige Sieg gibt mir viel Motivation für die verbleibenden Rennen dieser Saison.