Ich weiss aktuell gerade nicht, wie ich das heutige Rennen einordnen soll. Vermutlich sollte ich zufrieden sein. Ich würde sagen, es war meine beste Leistung dieses Jahr. Und trotzdem wäre ich natürlich lieber auf dem Podium statt zum dritten Mal Fünfter zu werden innerhalb von zwei Wochen.
Anders als nach dem Ischgl Ironbike erholte ich mich nach den Schweizer Meisterschaften deutlich besser und darum war ich umso mehr motiviert für mein Lieblingsrennen heute von Verbier nach Grimentz. Auch die Konsultierung der Startliste gab mir Hoffnung. Das Feld war wohl breit aufgestellt, aber eigentlich hatten alle Hochkaräter irgendwelche Probleme im Vorfeld und das Rennen schien so offen zu sein wie schon lange nicht mehr. Umso ärgerlicher, dass auch ich nicht mit den besten Voraussetzungen am Start stand.
Der Start war dann so intensiv, wie ich es noch nie erlebt habe an diesem Rennen. Bereits nach wenigen Metern attackierte der versierte Strassenprofi Reichenbach vehement und setzte sich ab. Eigentlich nicht die grösste Gefahr aus dem Feld, und trotzdem sollte man ihm keinen zu grossen Vorsprung offerieren. Dann war es Stiebjahn, der die Lücke schloss. Ich biss mich an ihm fest, denn ihn stufte ich schon deutlich stärker ein als Reichenbach. Und dass Stiebi im Notfall einen langen Soloritt durchzieht, erfuhr ich letztes Jahr beim Black Forest Maratahon. Dann war die Situation neutralisiert und es wurde ganz kurz etwas ruhiger, bevor Reichenbach erneut angriff. Nun liessen wir ihn gewähren, es warteten ja noch 120 anstrengende Kilometer auf uns.
Dann in der ersten Singletrail-Abfahrt war Reichenbach schnell gestellt und er fuhr nun als rollendes Hindernis vor uns. Stiebi fuhr frech vorbei und dahinter musste ich sein Manöver kopieren, damit er mir nicht entwich. Auch Claes zog noch mit und so waren wir nun zu Dritt vorne.
Es ging zügig weiter, aber nicht mit der Brechstange. So mussten die hinter uns etwas mehr investieren und wir konnten einen kleinen Benefit aus unserem Vorsprung ziehen. Nun füllte sich die Gruppe zusehends auf und es ging mittelmässig schnell weiter über Nendaz, Veysonnaz und Hérémence bis an den Fusse vom Mandelon-Anstieg. Wie erwartet wurde hier nun das Rennen eröffnet und es war kein geringerer als Seewald, der das Tempo verschärfte. Hartmann und Reichenbach setzten sofort nach, während ich etwas Respekt hatte. Dann kam Gysling und fuhr an mir vorbei. Hier biss ich mich nun fest.
Die Lücke blieb konstant bei zwanzig Sekunden. Bald war Reichenbach gestellt und auch an Seewald/Hartmann kamen wir nach dem halben Anstieg wieder heran. Ich war froh, dass alles neutralisiert war, doch Gysling hatte noch nicht genug und fuhr unverändert weiter. Hier konnte nun keiner mehr mitfahren. Gross aus der Ruhe brachte mich dies noch nicht, denn ich weiss ja um die Abfahrtqualitäten von Gysling. Viel mehr konzentrierte ich mich auf Seewald und Hartmann, und in diesem Vergleich sah ich mich gut. Natürlich war es kein Selbstläufer, aber ich kam richtig gut zurecht und sah mich mindestens auf dem gleichen Niveau wie die zwei Deutschen. Unbeschreiblich wie gut mir dies tat, sowas habe ich in dieser Saison noch nie erlebt.
Dann kam der Höhentrail, mit deutlich über einer Minute Rückstand auf Gysling nahmen wir diesen in Angriff. Ich fuhr vorne, versuchte das Tempo so zu gestalten, dass ich mich auch etwas erholen konnte und Ende Trail war Gysling bereits in Griffweite. In der Abfahrt nach Evolène stellte ich ihn dann und führte das Rennen an. Für einen kurzen Moment lief es mir kalt den Rücken runter und ich war unheimlich froh, dass es mir bis hierhin so gut lief.
Bereits legte ich mir das weitere Vorgehen in meinem Kopf fest. Mir war bewusst, dass Gysling seinen Rückstand bald wieder neutralisieren wird und mit möglichst viel Vorsprung auf den Pas de Lona kommen will. Ich traute mir zu, in der Schlussabfahrt mindestens drei Minuten schneller zu sein. Gegen Seewald und Hartmann sah es bis hierhin ja nicht allzu schlecht aus. Ich wusste natürlich um die Laufstärke von Seewald am Pas de Lona, doch da heisst es dann einfach auf die Zähne beissen und so wenig wie möglich zu verlieren. Gegen beide Deutsche traute ich mir zu, in der Schlussabfahrt eine Minute herausfahren oder aufholen zu können, wenn es um den Sieg geht.
Wunderbar, dass ich mir wieder solche Gedanken machen konnte. Doch bald kam ich zurück auf den Boden der Realität. Schnell merkte ich kurz nach Evolène, dass es mir nicht mehr so gut geht wie kurz zuvor. Meine Kräfte schwanden zu sehr und zuerst fuhr mir Hartmann davon, dann schloss Gysling auf, fuhr vorbei und kurz darauf auch Seewald... Schade, aber ich war nun nicht mehr in der Lage zuzulegen, und so fuhr auch Stauffer bald an mir vorbei.
Nun war ich Fünfter, es sah aus, als ob vier stärker sind als ich und bald nahm mich Lakata ins Visier. Dies dauerte nun aber doch einige Zeit, und als er dann bei mir war, ging bei ihm auch nicht mehr als bei mir. Gemeinsam fuhren wir mehr schlecht als recht bis zur Laufpassage. Hier konnte ich mich absetzen und ab nun war ich bis ins Ziel alleine als Fünfter unterwegs.
Fazit: ich habe wieder mein Bestes gegeben heute. Die ersten vier Stunden lief es richtig gut. Ich konnte jede Tempoverschärfung mitgehen, fühlte mich gut und kräftig. Ich konnte mir Gedanken machen über den Rennausgang, wie ich es noch nie konnte dieses Jahr. Doch nach vier Stunden war der Zauber vorbei. Weiterhin kam ich aber konstant durch, einfach zwei Gänge langsamer als zuvor. Es war eine weitere Steigerung, aber die Schritte, die ich von Woche zu Woche mache, sind klein und der Weg dauert noch etwas. Aber es kommt gut, die Zuversicht ist nach diesem Grand Raid BCVS grösser als je.