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24. August 2008, Grand Raid – Die Krönung

Viel wichtiger als der Rang war für mich aber die Tatsache, dass ich in der letzten Rennstunde die Freude und die Leidenschaft wieder gefunden habe. In dieser Phase des Rennens setzte ich mir auch gleich ein neues Ziel, das mich in den nächsten Wochen antreiben wird. In drei Wochen wird dieses Ziel bereits hinter mir liegen, ich bin sehr gespannt ob ich es erreichen werde…


Mit diesen Worten schloss ich meinen Rennbericht von der für mich enttäuschenden Schweizer Meisterschaft ab. Wer richtig kombinierte, fand heraus, dass das erwähnte Ziel nur Grand Raid heissen konnte. Tatsächlich schien ich auf einem guten Weg zu sein, die Hauptprobe vor Wochenfrist in Grindelwald jedenfalls liess diesen Schluss zu. Am Dienstag folgte dann aber die Ernüchterung. Ich erwachte am Morgen mit starken Kopfschmerzen und Fieber. Zudem war ich absolut erschöpft und alle Gelenke schmerzten so sehr, dass ich mich kaum bewegen konnte. So verbrachte ich diesen Tag Tee trinkend im Bett mit der Hoffnung, dass alles wieder verschwinden wird wie es gekommen ist. Und tatsächlich, am Mittwoch war ich wieder gesund, allerdings immer noch ziemlich müde und geschwächt. Die Zeit bis zum Samstag wurde knapp. Als ich dann am Donnerstag erfuhr, dass das Rennen aufgrund des Wetters von Samstag auf Sonntag verschoben wird, war das meine Rettung.

Zwar war das Wetter wider Erwarten am Samstag zumindest in Verbier einigermassen schön, doch die Verschiebung liess sich trotzdem rechtfertigen, denn am Sonntag trübte nicht die kleinste Wolke den Himmel. Dementsprechend kalt war es dann auch, als mit Tagesanbruch um halb sieben in imposanter Naturkulisse der Startschuss abgefeuert wurde. Gleich im ersten Anstieg setzte ich mich an die Spitze des Feldes, welches sehr stark besetzt war und etwa zehn Siegesanwärter umfasste, allerdings nicht um für ein hohes Tempo zu sorgen. Viel eher versuchte ich das Ganze etwas zu kontrollieren, denn ich merkte schon noch, dass ich am Dienstag neben den Schuhen stand.

Diese Umstände und meine Leidenstour an diesem Rennen im letzten Jahr bestimmten auch meine Renntaktik. Ich wollte einfach mit der Spitzengruppe bis nach Evolène, rund 41 Kilometer vor dem Ziel, kommen. Da beginnt dann das Rennen erst richtig mit dem endlosen Anstieg auf den Pas de Lona und der brutalen Abfahrt ins Ziel nach Grimentz. Mein Plan schien aufgehen zu können. Das Rennen war auch über die weiteren Berge sowie durch Nendaz und Veysonnaz nicht sehr hektisch. Immer wieder fiel das Tempo in der Spitzengruppe zusammen. Zudem löste sich erfreulicherweise der Schleim in meinem Hals und ich fühlte mich immer besser. Mit jedem Kilometer glaubte ich mehr an meinen Sieg, hielt mich aber weiterhin vornehm zurück. Über einen weiteren Berg und die Abfahrt über eine Skipiste erreichten wir nach 53 Kilometern und 2:17 Hérémence. Zu diesem Zeitpunkt umfasste die Spitzengruppe noch sieben Fahrer. Neben mir gehörten Europameister Lakata, Moos, Spaeth, Stoll, Tschopp und Weber noch dazu. Nun stand noch der bisher grösste Berg im Weg, bevor wir Evolène und für mich den eigentlichen Start des Rennens erreichten. Dabei wurde die Spitzengruppe weiter dezimiert. Ganz schön zu sehen war dabei wie beispielsweise der Tour de France erprobte Bergspezialist Tschopp in seinem Gebiet abreissen lassen musste, was das Niveau unserer Gruppe deutlich unterstrich. Übrig blieben noch Moos, der 30 Sekunden vor Stoll und mir und weitere 15 vor Lakata Evolène passierte.

Die nun folgenden 25 Kilometer bis auf den Pas de Lona, von 1300 Meter auf rund 2800 Meter, sollten über den Ausgang des Rennens entscheiden. Moos sah nun ziemlich alt aus, musste tatenlos zusehen wie Stoll und ich ihn überholten, während auch Lakata dahinter einen Gang zurückschalten musste. Währenddessen lieferten wir uns an der Spitze des Rennens ein hochklassiges Duell um den Sieg. Ich hielt das Tempo stets so hoch ich konnte und hoffte, Stoll finde nicht noch irgendwo letzte Kräfte für einen Angriff, dem ich nichts mehr entgegensetzen hätte können. Doch auch er musste kämpfen, tat dies aber mit grösstem Einsatz. Mit dem Gedanken daran, dass ich nun ganz nah an meinem ganz grossen Ziel bin und als Erster Grimentz erreichen werde, konnte ich meine letzten Kräfte mobilisieren, um mich etwa drei Kilometer vor der Laufpassage zu Pas de Lona entscheidend absetzen zu können.

Nun gab es kein Zurück mehr, ich fuhr so schnell ich noch konnte weiter. Zu Beginn der langen und steilen Laufpassage wartete dann mein zurückgetretener Teamkollege und Vorjahresdritter Laurent Gremaud auf mich. Er sollte mir den Weg durch die Fahrer der kurzen Strecke frei machen und mich während den brutalsten Minuten der Saison mental unterstützen. Getrieben von dieser Unterstützung sprang ich vom Bike und schulterte dieses, versuchte ihm nachzurennen. Doch es ging nicht, ich war fix und fertig. Mit einer 300 Meter hohen Felswand und dem Atem des Verfolgers im Rücken nicht sehr motivierend. Ich schob mein Bike hoch, so schnell ich noch konnte, wollte Laurent auf keinen Fall enttäuschen. Doch zwischenzeitlich musste ich wohl oder übel anhalten und eine kurze Pause machen. Dabei war ich froh, mich an meinem Bike fest halten zu können, sonst wäre ich wohl über die Felswand abgestürzt. Ich war völlig am Ende. Meine Beine waren so kraftlos und müde, dass sie nicht mal mehr schmerzten. Das Tempoforcing während den letzten eineinhalb Stunden brauchte aber nicht nur mich, sondern auch Stoll und so konnte ich meinen Vorsprung halten. Mit knapp zwei Minuten Vorsprung erreichte ich schliesslich den Gipfel und nahm nach einem wenig später folgenden Gegenanstieg die 15 Kilometer lange Schlussabfahrt in Angriff. Ich war aber so geschafft, dass ich nur noch die Konturen des Weges sah und fast keine Kraft mehr hatte, mich irgendwie auf dem Bike zu halten. Nach sechs Rennstunden ist diese Abfahrt etwas vom Gefährlichsten während der ganzen Saison. Ein Abflug bei diesem hohen Tempo inmitten der Steinwüste hätte auf jeden Fall unschöne Folgen. Zwei mal war ich ganz nah dran, als meine Ellbogen kraftlos einknickten und ich über den Lenker zu fliegen drohte. Irgendwie konnte ich mich aber immer retten.

Nach 6:18.10 wurde ich dann erlöst. Mit nur 47 Sekunden Vorsprung auf Thomas Stoll und umgeben von einer Handvoll Motorräder, fast wie ein König auf Staatsbesuch, erreichte ich das Ziel. Den Streckenrekord von Vorjahressieger Dietsch verpasste ich damit um weniger als eine Minute. Dies zeugt ebenso wie der Vorsprung von 13 Minuten auf Moos, welchen wir in den letzten gut zwei Rennstunden herausgefahren hatten, davon, welch hochklassiges Duell wir uns im Finale des Rennens nach eher gemächlichem Start lieferten.

Immer wieder habe ich mir in den Tagen vor dem Rennen und auch während des Rennens versucht vorzustellen, wie es wohl ist, als Sieger in Grimentz einzutreffen. Doch meine Vorstellungen reichten bei weitem nicht an das Gefühlte, es war unbeschreiblich. Kaum war ich vom Bike gestiegen, wurden mir unzählige Mikrophone ins Gesicht gestreckt, Kameras und Objektive auf mich gerichtet und Bleistifte gespitzt. Alle waren gespannt und gierig auf meine Eindrücke über das Rennen. Viel Gescheites konnte ich in diesem Moment allerdings nicht sagen, ich war einfach überwältigt und sprachlos. Einzig auf die Frage, was mir dieser Sieg bedeutet, hatte ich eine klare Antwort. Dieser Sieg ist das Grösste, was ich bisher erreicht habe, für mich sogar wertvoller als die WM Medaille!

Nun bleiben mir nur sechs Tage bis zum Nationalpark Marathon. Wie ich es schaffen soll, die 138 Kilometer zurückzulegen, weiss ich heute noch nicht genau, aber es ist ja erst Montag…

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